IGEP e.V.: Karl IV. (1316 – 1378) – der fast vergessene Kaiser : Gelungener IGEP-Kulturabend


Was mag 53 Gerbrunner bewegen, sich im 21.Jh. – in einer politisch durchaus bewegten Zeit – mit einem Kaiser zu befassen, der vor etlichen Jahrhunderten auf der politischen Bühne eine Rolle gespielt hat ?

Mögliche Antwort : Dieser Monarch, Kaiser Karl IV., der vor 700 (!) Jahren geboren wurde, wird in seinem Stammland, dem heute tschechischen Böhmen, gerade nach der brutalen NS-Besatzung und den folgenden Jahrzehnten der kommunistischen Diktatur als „Vater des Vaterlandes“ gefeiert. In Cernosice, der tschechischen Partnergemeinde Gerbrunns (unweit von Prag gelegen), wird die Erinnerung an diesen Mann in erstaunlicher Weise lebendig gehalten.

Oder : Der Veranstalter des Informationsabends über Karl IV., der Gerbrunner Partnerschaftsverein IGEP, genießt inzwischen in Folge früherer Kulturabende mit ähnlichen Themen einen so guten Ruf, dass sich eine erstaunlich große Zahl von Bürgern angesprochen fühlt und der Einladung folgt.

Wie schön, dass ein längst verstorbener Kaiser einem europafreundlichen Verein -keine Selbstverständlichkeit in unseren Tagen- so viel Schwung verleiht !

Der Initiator des Abends, der IGEP-Ehrenvorsitzende Peter Thiel, steckte zunächst den historischen Rahmen ab, in dem das Leben des fast vergessenen Kaisers verlief. Karl IV. aus dem Hause Luxemburg wurde 1316 in eine Zeit der Krisen und des Umbruchs hineingeboren. Die Pest wütete in weiten Teilen Europas, Naturkatastrophen und Hungersnöte forderten viele Opfer. Zugleich war die Epoche geprägt vom Ringen verschiedener Dynastien um die Macht im Reich. Thiel erläuterte das ziemlich komplizierte Geflecht der europäischen Herrscherhäuser, die ihre Machtansprüche gegeneinander mit vielen Intrigen und Ränkespielen, mit Verrat und Mord durchzusetzen versuchten. Karl IV. gewann mit Unterstützung des Papstes den Kampf um die römisch-deutsche Krone, seine Kaiserkrönung 1355 in Rom bedeutete die Erneuerung des Kaisertums im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation.

Sigrid Biller skizzierte anschließend den Menschen Karl, eine „gegensätzliche, schillernde Figur“. Er sei ein gläubiger , frommer Mann gewesen, auf zahlreichen Votivtafeln des 14.Jh. wird er knieend als Beter abgebildet. Das habe ihn allerdings nicht daran gehindert, als Herrscher- wie damals üblich- ohne Skrupel z.B. eine seinen Interessen dienende Heiratspolitik zu betreiben. Er stützte sich weniger auf militärische Gewalt als vielmehr auf Diplomatie- und auf erhebliche Geldsummen, mit denen er die Zustimmung der Kurfürsten zu seiner Politik erkaufte. Seine Beteiligung an Judenverfolgungen bedeutete keinen Verlust an Ansehen bei seinen Zeitgenossen. In seiner Residenzstadt Prag entfaltete er eine enorme Bautätigkeit, er machte sie zur „Goldenen Stadt“.

Ingelore Köhler befasste sich vor allem mit dem bedeutendsten Gesetz des mittelalterlichen Reiches, der „Goldenen Bulle“(1356). Sie regelte erstmalig und endgültig das Verfahren der Königswahl und die Rechtsstellung der Kurfürsten (Das „Männleinlaufen“ an der Nürnberger Frauenkirche zeigt, wie die sieben Kurfürsten dem Kaiser huldigen).Das Mehrheitswahlrecht wurde installiert. Die Stellung des Kaisers wurde gefestigt und zugleich begrenzt: die Kurfürsten erlangten eine größere Bedeutung, eine frühe, föderale Struktur – eine Spezialität der deutschen Geschichte- zeichnet sich im Reich ab.

Katharina Holzheuer nahm ihre Zuhörer mit auf die Spuren Karls IV. in Unterfranken. Die „Goldene Straße“ führte von Prag über Nürnberg nach Frankfurt, zwei bedeutende Städte, in denen der Kaiser seine Reichstage hielt. Eine Station war Heidingsfeld. Als „Trittstein“ der „Goldenen Straße“ wurde es mit kaiserlichen Privilegien ausgestattet, um dem Kaiser einen sicheren Ort auf seinem Weg nach Frankfurt zu bieten. Ein historischer Wandel zeichnete sich ab : nicht mehr die (Königs-und Kaiser-)Pfalzen, sondern die Städte werden zu Zentren des politischen Geschehens. (► Text dieses Vortrags)

Lilo Thein las abschließend aus dem im Jahr 1923 erschienenen Roman „Die hässliche Herzogin“ von Lion Feuchtwanger. Zentrale Gestalt ist die wegen ihrer Entstellung innerlich vereinsamte Gräfin Margarete Maultasch von Tirol. Sie kämpft gegen dynastische Interessen um das Wohl ihres Landes und sucht Unterstützung bei Karl IV. Sie war offensichtlich keine Schönheit: Als „bewarzt“ und „dick wie ein Bierbrauer“ schildert sie Feuchtwanger, als „schmucktrotzend wie ein Götzenbild“ mit einem „äffisch sich verwulstenen Mund“. Der Dichter wollte mit seinem Werk ein Zeitbild des 14.Jh. malen, die zentrale Gestalt des Romans hat mit der historischen Figur wenig gemein.

Alle fünf Kurzvorträge wurden angenehm illustriert durch Geschichtskarten, Diagramme und Fotos von Personen, Urkunden und Orten. Christoph Gundermann zeigte sie in technischer Perfektion.

Der „Kulturabend“ erfüllte eindrucksvoll die eingangs von Peter Thiel genannten, hoch gesteckten Ziele : mit „eigenen“ Leuten (ohne angeheuerte Fachhistoriker) die geschichtliche Dimension der IGEP-Partnerarbeit aufzuzeigen. Das Eintauchen in die Geschichte der Partnerländer, Kenntnisse über ihren ganz besonderen Weg durch die Jahrhunderte können das Verstehen in der Gegenwart erleichtern, so die Einschätzung der IGEP-Verantwortlichen.

Das Publikum musste konzentriert zuhören, viele Namen und Geschichtszahlen verlangten eine hohe Aufmerksamkeit. Es dankte sehr herzlich für die sympathische Geschichtsvermittlung durch eigene Vereinsmitglieder.

Reinhard Kies

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